Wilfried Pichler: „Virginiamalve bietet eine echte agrarische Alternative“

Dienstag, 09. Januar 2018 | Autor: Joachim Berner

In Deutschland und Österreich kennt kaum jemand die Virginiamalve: Sida hermaphrodita (L.) rusby. Das sollte sich ändern, findet Wilfried Pichler von Holzforschung Austria, denn die mehrjährige Energiepflanze bietet ein hohes Potenzial, um energetisch genutzte forstliche Biomasse zu ersetzen. Im Interview erläutert er, warum es sich bei Virginiamalve um einen vielversprechenden Rohstoff für die Brennstoffproduktion handelt.

Herr Pichler, was macht Virginiamalve zu einem Hoffnungsträger für den Pelletsrohstoffmarkt?
Die Energiepflanze ähnelt Holz und man benötigt im Gegensatz zu Kurzumtriebspflanzen kaum Energie, um sie für den Pelletierungsprozess zu trocknen. Als Brennmaterial verarbeitet sind kaum Probleme mit Emissionen und Verschlackung zu erwarten. Außerdem besteht keine Konkurrenzsituation zu anderen Nutzungsformen und sie ist sehr flexibel in der Flächennutzung. Stabile Bestände sind auch in sehr trockenen Gegenden zu erwarten.

Warum braucht es überhaupt neue Rohstoffe?
Die konventionellen Rohstoffressourcen in Mitteleuropa sind weitgehend ausgeschöpft. Für ein weiteres Wachstum des Pelletsmarkts – das zu erwarten ist – werden alternative Rohstoffquellen daher irgendwann notwendig. Das Wachstum des Pelletsmarkts zeichnet sich insbesondere bei gewerblichen Anlagen ab, die nicht immer Holzpellets in A1-Qualität benötigen. Virginiamalve bietet aber auch für kleine und mittlere Feuerungen eine echte agrarische Alternative, die ohne zusätzliche Maßnahmen gegen Emission oder Verschlackung genutzt werden kann.

Wie sind Sie auf die Energiepflanze gekommen?
Die Idee kam von der AGES. Die österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit forscht seit Jahren an alternativen Pflanzen für Zwischenkulturen, als Bienentracht und eben auch als Brennstoff oder Biogas-Rohstoff.

In welchen Regionen lässt sich Virginiamalve anbauen?
In ganz Europa auf fast allen Böden. Einzig und allein Staunässe ist weniger gut verträglich. Trockenheit durchtaucht sie ohne Schäden am Bestand.

Welche Eigenschaften zeichnet die Pflanze als Pelletsrohstoff besonders aus?
Bei der Verbrennung der Agrarpflanze fällt wenig Asche an – unter drei Prozent. Sie enthält wenig Chlor und Stickstoff und die Aschenerweichungspunkte liegen meist über 1.300 Grad Celsius.

Sie haben die Pflanze zu Pellets verarbeitet. Läuft der Produktionsprozess ähnlich wie mit Holz ab?
Ja, das Verhalten ist ähnlich. Allerdings liegt die Durchsatzleistung etwas höher. Dadurch braucht es weniger Energie zum Pelletieren.

Braucht es neue Fertigungsverfahren oder Verarbeitungsmaschinen?
Das im Feld anfallende Häckselgut besitzt eine sehr geringe Schüttdichte, weshalb man geeignete Logistik und Fördertechnik benötigt. Technologien, die das Häckselgut vorverdichten, haben sich in unseren Versuchen bewährt. Dazu gehört vor allem die Zerkleinerung mit einer Kollermühle. Der Rohstoff wird dadurch direkt pelletierfähig. Entmischungen der Gewebsteile werden verhindert. Interessant wären auch mobile Pelletiermaschinen, bei deren Entwicklung sich in letzter Zeit einiges getan hat.

Müssten sich die Pelletsproduzenten also umstellen, wenn sie Virginiamalve als Rohstoff einsetzen würden?
Wir haben Szenarien entwickelt, die für Lohnpelletierer interessant sein könnten, als Ergänzung zur Futtermittelpelletierung. Wichtig ist, dass die Transportstrecken für den Rohstoff gering bleiben. Für herkömmliche Holzpelletierer sind Rohstoffwechsel in der Regel schwierig durchzuführen, weil ihre Anlagen dafür nicht konzipiert sind. Virginiamalve ähnelt zwar Holz, ist aber keines. Daher kann das Produkt mit den derzeitigen Normen nicht als Holzpellet vermarktet werden.

In einer Veröffentlichung erwähnen Sie, dass die Pelletierung von Virginiamalve etwas mehr Fingerspitzengefühl braucht. Inwiefern?
Der Rohstoff besteht aus verschiedenen Gewebsteilen – Bast, Holz und Mark –, die sich in den Förderstrecken entmischen können, was zu einem unregelmäßigen Prozess führen kann. Man kann das jedoch in den Griff bekommen.

Bioenergy 2020+ hat Feuerungsversuche mit Pellets aus Virginiamalve durchgeführt. Mit welchen Ergebnissen?
Von der Verbrennungsqualität lässt sich Virginiamalve  ähnlich wie Kurzumtriebsholz einstufen, lediglich die Staubemissionen liegen höher. Die Werte liegen jedoch noch deutlich unter jenen von Stroh und Getreide, vergleichbar mit jenen von Miscanthus.

Das Projekt ist abgeschlossen. Was ist der Stand der praktischen Umsetzung?
Es geht jetzt um Projekte, bei denen Demonstrationsanlagen und Pilotmärkte aufgebaut werden. Wir haben dazu einige Pläne entwickelt, außerdem besteht Interesse seitens der Brennstoff- und der Landwirtschaft. Das Thema steht aber bei den Förderstellen noch weit unten auf ihren Listen, daher haben wir trotz sehr guter internationaler Forschungsanträge mit erstklassigen Konsortien bis jetzt noch keinen Zuschlag bekommen.

Wann erwarten Sie Pellets aus Virginiamalve auf dem Markt?
Nach 2020 ist es denkbar. Ich gehe vorerst aber nur von lokalen Märkten und genossenschaftsartiger Anwendung aus.

Weitere Informationen: www.ages.at/bioenergie/sida/

Bewerten Sie diesen Beitrag

VN:F [1.9.22_1171]
Rating: 4.8/5 (5 votes cast)
4.855
Schlagworte: , , , ,

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Ihre persönlichen Daten

Ihr Kommentar

Sie haben News für die Pellets-Branche?

Senden Sie diese an news@pelletshome.com

Newsletter
Bleiben Sie immer up to date. jetzt Newsletter abon­nie­ren

schnell und einfach den richtigen Pelletofen finden!

zum Produktfinder

zur Navigation Sprache wählen: Home | Sitemap | English | Français | Italiano

Hauptmenü:

Diese Seite verwendet Cookies, die für eine uneingeschränkte Nutzung der Website nötig sind. Detaillierte Informationen über den Einsatz von Cookies auf dieser Website finden Sie in der Datenschutzerklärung.
Dort kann auch der Verwendung von Cookies widersagt werden.
Akzeptieren