Ulf Sieberg: „Wir benötigen eine Beratungsoffensive“

01/09/2015 | : Joachim Berner

Ein Effizienzlabel für alte Heizkessel führt die Bundesregierung ab 2016 ein. Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) begrüßt die Initiative, schlägt aber Nachbesserungen vor. Im Geespräch mit Pelletshome.com erläutert sie BEE-Referent Ulf Sieberg.

Herr Sieberg, der BEE begrüßt das neue Effizienzlabel für alte Heizungsanlagen. Welche Wirkung erhoffen Sie sich?
Das Labeln von Heizkesseln kann ein wichtiger Schritt sein, Hauseigentümern zu sensibilisieren, auf erneuerbare Energien umzusteigen und damit einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Eine umweltfreundliche Heizung ist einer der wichtigsten Bereiche, in denen private Verbraucher die Wärme- und damit die Energiewende unterstützen. Dazu muss sichergestellt werden, dass der Blick nicht nur auf den Heizkessel gerichtet wird, sondern auf die Heizungsanlagen insgesamt sowie auf den Energieträger und letztlich auf das Gebäude und seinen Standort im Quartier.

Die Bundesregierung gibt an, mit dem Gesetz die Tauschrate um 20 Prozent steigern zu können. Viele erneuern aber nicht einmal ihre alte Heizanlage, auch wenn Sie die Energieeinsparverordnung (EnEV) dazu eigentlich verpflichtet. Woran hakt es Ihrer Meinung nach?
Vielen Hauseigentümern sind die Vorgaben schlicht nicht bekannt. Wenn sie sie kennen, wissen sie oft nicht, was sie für ihr Haus oder für ihre Heizung vor dem Hintergrund der energie- und klimapolitischen Ziele genau bedeuten. Darüber hinaus hakt es am Vollzug. Dafür sind eigentlich die Länder zuständig. Ihnen fehlt es aber an Ressourcen, ihrer Überprüfungspflicht nachzukommen. Die Komplexität der Regelungen hat zudem  in den vergangenen Jahren derart überhandgenommen, dass selbst ausgewiesene Fachleute Schwierigkeiten haben, den Überblick zu behalten. Kurzum: Wo das Ordnungsrecht dem Namen nach Ordnung schaffen sollte, sorgt es mehr und mehr für Verwirrung. Verwirrung erzeugt aber keine Handlung, sondern eine abwartende Haltung. Ordnungsrecht per se ist deswegen nicht schlecht, nur muss es für einen verbindlich und langfristig angelegten sowie klaren Rahmen und für Investitionsanreize sorgen.

Der BEE schlägt vor, Hausbesitzerinnen und Besitzer zu verpflichten, ihre Mieterinnen und Mieter über die Effizienzklasse des Heizgeräts zu informieren. Was soll das bringen?
Bislang entscheiden Lage und Preis über die Wahl einer Mietwohnung. Künftig soll noch ein drittes Kriterium ausschlaggebend sein: die Bereitstellung von Raumwärme und Warmwasser sowie die Energieeffizienz. Um das zu erreichen, müssen Mieterinnen und Mieter über ihre Heizung und ihre Möglichkeiten zur klimaschonenden Wärmeversorgung informiert sein. Dafür ist das Heizungslabel ein sehr gutes Instrument. Die Sichtbarkeit im Eingangsbereich eines vermieteten Wohngebäudes könnte maßgeblich zur Transparenz beitragen. Eine weitere Möglichkeit wäre die mindestens jährliche Betriebskostenabrechnung.

Die Ineffizienz alter Heizgeräte ist das eine, Energieverluste durch ein schlecht geplantes oder ausgeführtes Verteilsystem das andere. Greift das Gesetz eigentlich nicht zu kurz, wenn es sich allein auf den Wärmeerzeuger konzentriert?
Die Richtung des Gesetzes stimmt. Zumal das Gesetz nur ein Baustein im Rahmen des Nationalen Aktionsplans Energieeffizienz ist, den die Bundesregierung Ende 2014 beschlossen hat. Allerdings kann es mit dem Austausch des Heizkessels nicht getan sein. Vielmehr muss sichergestellt werden, dass der Hauseigentümer mindestens einen Heizungscheck in Anspruch nimmt. Dieser nimmt nicht nur die gesamte Heizungsanlage inklusive Verteilsystem unter die Lupe, sondern empfiehlt auch den Einsatz erneuerbarer Energien und verweist auf das Marktanreizprogramm zur Förderung Erneuerbarer Energien (MAP). Da Hauseigentümer erfahrungsgemäß jedes Bauteil im Abstand innerhalb mehrerer Jahrzehnte nur einmal anfassen, ist es umso wichtiger, dass die Modernisierung der Heiztechnik als Anlass für den Wechsel des Energieträgers genutzt und auf Erneuerbare umgestellt wird. Eine weiterführende Beratung schlägt aufeinander abgestimmte Maßnahmen vor, die von den langfristigen Klimazielen her gedacht sowohl die Wärmeversorgung zukunftsweisend auf Erneuerbare ausrichtet als auch den Energiebedarf reduziert.

Pro Jahr werden nur rund drei Prozent der Heizanlagen ausgetauscht. Das Ziel der Bundesregierung, bis 2020 mindestens 14 Prozent des Wärmeverbrauchs mit Erneuerbaren Energien abzudecken, sei so nicht erreichbar, kritisiert der BEE. Dafür seien jedes Jahr mindestens eine Million Heizungsmodernisierungen erforderlich, die Effizienz und erneuerbare Energien verbinden. Besser noch wäre es, die Modernisierungsquote auf mindestens sechs Prozent zu verdoppeln. Mit welchen Maßnahmen ließe sich eine solche Tauschrate erreichen?
Entscheidend ist nicht allein, nur mehr Heizungen auszutauschen, sondern auch die Modernisierungswirkung. Es nutzt beispielsweise wenig, wenn zwar die Anzahl der Heizungsmodernisierungen steigt, allerdings lediglich von Öl auf Erdgas umgestellt wird. Denn bis zum Ablauf der Lebensdauer einer Heizungsanlage und leider oft auch darüber hinaus sind diese Maßnahmen für den Klimaschutz verloren. Für mehr Aktivitäten und eine hohe Wirkung brauchen wir deshalb eine Beratungsoffensive, die Hauseigentümern klar macht, welchen energetischen Zustand ihr Haus hat, worin ihr Beitrag für mehr Klimaschutz bestehen müsste und wie sie das mit Unterstützung des Staates erreichen können. Investitionen könnten dann auf Grundlage eines gebäudespezifischen Sanierungsfahrplans getroffen werden. Er beschreibt Ist- und Soll-Zustand und zeigt verschiedene Sanierungspfade auf, die an die wirtschaftliche Situation des Eigentümers angepasst sind. Mehr Geld vom Staat zum Beispiel zur Aufstockung des MAP ist sinnvoll, kann aber nicht die alleinige Lösung sein. Das Geld muss auch zielgerichtet und ergebnisorientiert eingesetzt werden. Vom Ende her  gedacht bedeutet das, in hohe Effizienzstandards und Erneuerbare zu investieren. Das Ordnungsrecht muss als Leitplanke klar und deutlich diesen Weg vorgeben und zusätzliche Investitionsanreize setzen.

Eine neue Heizung bedeutet nicht automatisch, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher auf erneuerbare Energien umsteigen. Welche Vorschläge macht der BEE, um die Energiewende auch im Heizungskeller voran zu bringen?
Die bestehenden Instrumente und der Rahmen aus Fordern, Fördern sowie Information und Beratung entwickeln derzeit nicht das gewünschte Tempo für die Wärmewende. Wir denken deshalb über einen neuen, intelligenteren Rahmen und neue Instrumente nach, die in die Zukunft weisen und Hauseigentümern die richtigen Investitionsanreize setzen. Dafür entwickeln wir gemeinsam mit unseren Mitgliedsverbänden eine Wärme- und Kältestrategie. Tabus darf es dabei nicht geben. Wirtschaft und Gesellschaft müssen sich darauf einstellen, dass der Strukturwandel weg von einer fossilen hin in eine erneuerbare Welt mehr Tempo benötigt als es derzeit der Fall ist. Das gilt auch für den Heizungskeller. Dementsprechend muss die Bundesregierung ihr Engagement verstärken und Prioritäten für erneuerbare Energien setzen. Dazu gehört mindestens eine bundesweite und von regionalen Netzwerken getragene Kampagne für erneuerbare Wärme und Energieeffizienz. Die leitungsgebundene erneuerbare Wärme muss systematisch ausgebaut und erneuerbare Einzeltechnologien wie Pelletskessel und -öfen verstärkt integriert werden. Ordnungsrechtliche Vorschriften wie die Energiesparverordnung oder Erneuerbare-Wärme-Gesetz müssen klare Zielvorgaben machen. Erneuerbare Wärme muss wie im Stromsektor Vorfahrt haben. Steuergelder sollten zukünftig stärker dazu verwendet werden, Mehrkosten für hohe Anfangsinvestitionen zu überwinden. Zudem muss die Finanzierung erneuerbarer Energien haushaltsunabhängig gesichert werden.

Das nationale Effizienzlabel für Altanlagen wird dem Energieeffizienzlabel für Neuanlagen der EU ähneln. Werden auch die Grundlagen für die Berechnung der Effizienzklassen übereinstimmen? Wenn nicht, dann würde den Verbraucherinnen und Verbraucher eine Vergleichbarkeit nur vorgetäuscht. Nicht gerade ein transparentes Verfahren.
Der BEE begrüßt, dass sich das Design der Verbrauchskennzeichnung stark an den EU-Energieeffizienzlabeln für Neugeräte orientieren wird. Diese sind den Akteuren und Eigentümern bereits bekannt und sorgen so für den notwendigen Wiedererkennungseffekt sowie die erforderliche Aufmerksamkeit. Deshalb werden die Kessellabel von A++ bis G etikettiert sein, wie sie gemäß einer neuen EU-Richtlinie ab dem 26. September 2015  auch für alle neuen Raum- und Kombiheizgeräte gelten wird. In vier Jahren, zum 26. September 2019, wird diese EU-Einteilung erneut umgestellt und soll, so der derzeitige Stand, eine Skala von A+++ bis D vorweisen. Der BEE plädiert deshalb dafür, dass das Label für Altanlagen schon heute auf die Anforderung von 2019 ausgerichtet wird, um so unnötige Verwirrung zu vermeiden und schon heute für bessere Vergleichbarkeit in der nahen Zukunft zu sorgen. Eigentümer von ineffizienten Heizungskesseln könnten so zusätzlich zur Umstellung auf erneuerbare Energien animiert werden.

Sie arbeiten seit 1. Juli 2015 als Referent für Erneuerbare Wärmepolitik und Wärmewirtschaft beim BEE. Zuvor hat es diese Position nicht gegeben. Warum gibt es sie erst jetzt? Dass die Politik bei der Umgestaltung des Wärmemarkts nicht recht vorankommt, zeigt sich doch schon seit längerem.
Selbstverständlich hat der BEE mit seinen Mitgliedern auch vor dem 1. Juli 2015 intensiv zu Wärmethemen gearbeitet. Die zusätzliche Stelle unterstützt und vertieft die Zusammenarbeit der Verbände, um die Wärmewende, die in der Tat nur schwerfällig in die Pötte kommt, voranzubringen. Die zusätzliche Stelle war im Integrationsprozess des BEE entstanden, der genau das zum Ziel hatte: die Zusammenarbeit der Verbände weiter zu stärken, die Schlagkraft des BEE zu erhöhen und mit guten Lösungen zu einer spartenübergreifenden Energiewende beizutragen. Dem Wärmemarkt kommt eine sehr wichtige Rolle zu, die Politik und Verbände gleichermaßen ausfüllen müssen. Angesichts einer großen Akteursvielfalt mit heterogenen Interessen ist es nicht immer einfach, alle unter einen Hut zu bekommen. Als Dachverband ist es unsere Aufgabe, diesen Hut aufzusetzen und den Prozess mit übergreifenden Antworten und Vorschlägen konstruktiv zu begleiten. Nur wenn der Wärmemarkt entschlossen und gemeinsam auftritt, wird er die Politik zu einem größeren Engagement bewegen können.

Was gehört zu Ihren Hauptaufgaben?
Hauptaufgabe wird daher vor allem sein, den Anteil erneuerbarer Energien im Wärmemarkt zu erhöhen. Dazu gehören erneuerbare Einzeltechnologien genauso wie die netzgebundene Wärme. Der BEE wird deshalb als erstes gemeinsam mit seinen Wärmeverbänden eine übergreifende Wärme- und Kältestrategie verabschieden. Sie nimmt das Ziel der Bundesregierung in den Blick, den Primärenergiebedarf im Gebäudebereich bis 2050 um 80 Prozent gegenüber 2008 zu reduzieren. Zudem werden wir gleichzeitig auf potentielle Bündnispartner zugehen. Darüber hinaus werden wir die Umsetzung des Nationalen Aktionsplans Energieeffizienz, die Zusammenführung von Energiesparverordnung oder Erneuerbare-Wärme-Gesetz und die Energieeffizienzstrategie Gebäude intensiv begleiten und eigene Vorschläge machen.

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