Irmela Colaço: “Ein smartes Zuhause führt nicht automatisch dazu, dass der Energieverbrauch sinkt.”

Dienstag, 05. Juni 2018 | Autor: Joachim Berner

Irmela Colaço Irmela Colaço Eine Kurzstudie zu den ökologischen Folgen einer zunehmenden Vernetzung privater Haushaltsgeräte hat der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) veröffentlicht. Sie benennt die ökologischen Herausforderungen der Digitalisierung. Irmela Colaço, BUND-Projektleiterin Energiesparen und Energieeffizienz, erklärt, was es braucht, um die Digitalisierung in umweltfreundliche Bahnen zu lenken.

Frau Colaço, warum führt die Digitalisierung in den Haushhalten zu einem erhöhten Energieverbrauch? Sie soll doch alles smarter machen.
Vernetzte Geräte sind in der Regel rund um die Uhr empfangsbereit, um auf Sprachbefehle oder Signale von anderen Geräten reagieren zu können. Das kann Umwelt und Verbraucher teuer zu stehen kommen. Die Stromrechnung eines Haushalts kann um bis zu 100 Euro pro Jahr steigen. Europaweit könnte sich dieser Verbrauch langfristig auf 70 Terawattstunden summieren – das entspricht in etwa dem Stromverbrauch aller Haushalte Italiens in einem ganzen Jahr. Außerdem steigen der Datenverkehr und die dafür notwendigen Ressourcen in Übertragungsnetzen und Rechenzentren schon jetzt rasant an. Der Trend, immer mehr Haushaltsgeräte zu vernetzen, wird diese Entwicklung weiter anfeuern. Und schließlich steigt die Gefahr, dass der Verbrauch weiterer Rohstoffe enorm zunimmt, etwa wenn vernetzte Produkte schneller unbrauchbar werden, weil keine Sicherheitsupdates mehr verfügbar sind.

Smart homes wären demnach heutzutage vor allem stupid homes?
Ein smartes Zuhause führt jedenfalls nicht automatisch dazu, dass der Energieverbrauch von Haushalten sinkt, so wie es in der Werbung manchmal pauschal dargestellt wird. Jede einzelne Anwendung muss genau unter die Lupe genommen werden. Je geringer der Energieverbrauch für die Hauptfunktion eines Geräts, also zum Beispiel für die Beleuchtung der Wohnung oder die Kühlung von Lebensmitteln, desto schwerer wiegt der ökologische Rucksack der Vernetzung. Und desto weniger lohnt sich unter Umwelt-Gesichtspunkten die Smartness eines Geräts.

Wie ließe sich das ändern?
Die Politik muss dafür sorgen, dass der ökologische Rucksack der Vernetzung minimiert wird. Ein wichtiger Hebel ist dabei die europäische Ökodesign-Richtlinie. Sie begrenzt bereits den maximal zulässigen Energieverbrauch im vernetzten Standby-Betrieb. Dieser Grenzwert muss konsequent weiter abgesenkt werden. Auch muss gewährleistet werden, dass die Vernetzung nur dann aktiv ist, wenn die Nutzerinnen und Nutzer dies wünschen, und dass etwa die Waschmaschine auch dann noch in der Lage ist, schmutzige Wäsche zu waschen, wenn die Vernetzung deaktiviert ist. Darüber hinaus müssen Bürgerinnen und Bürger transparent und unabhängig über den Verbrauch von Energie und anderen Rohstoffen, der durch die Vernetzung in und außerhalb der eigenen vier Wände entsteht, informiert und beraten werden.

Sie kritisieren, dass die Politik die Chancen der Digitalisierung in den Heizungskellern bislang verschlafe. Worin sehen Sie die Chancen speziell bei vernetzten Heizungen?
Der größte Teil der Energie, die in Haushalten verbraucht wird, geht auf das Konto der Heizung. Durch Mängel im Betrieb der Heizungsanlage werden hier bisher Unmengen an Energie verschwendet. Verbraucherinnen und Verbraucher haben kaum eine Chance, einen fehlerhaften Betrieb zu erkennen und auch Fachleute stoßen schnell an ihre Grenzen, wenn es darum geht, die Ursache des Fehlers zu finden. Durch digitale Messtechnik kann der Betrieb einer Heizungsanlage überwacht werden. Sie ermöglicht es, Fehler frühzeitig zu erkennen und wirksam zu beheben. Eine regelmäßige Analyse des Energieverbrauchs kann darüber hinaus wichtige Hinweise für notwendige Maßnahmen an der Gebäudehülle geben.

Für wie groß halten Sie das Einsparpotenzial?
Ich gehe von durchschnittlich rund 20 Prozent aus. Die Potenziale schwanken jedoch stark von Anlage zu Anlage.

Was fordern Sie von der Politik, damit die Chancen in der Heizungstechnik genutzt werden?
Zum einen muss dafür gesorgt werden, dass Heizungen mit digitaler Messtechnik ausgestattet sind. Doch Messtechnik allein bringt keine Einsparung. Damit sie tatsächlich dazu genutzt wird, den Heizungsbetrieb zu optimieren, müssen sich Förderprogramme stärker an nachgewiesenen Energieeinsparungen orientieren. Außerdem sollte es zur Pflicht werden, den Betrieb einer Anlage in regelmäßigen Abständen zu überprüfen und einen energiesparenden Betrieb zu gewährleisten. Und zwar unabhängig vom Energieträger, denn auch erneuerbare Energie darf nicht verschwendet werden.

Was war der Anlass, die Kurzstudie zu beauftragen?
Immer mehr Geräte im Haushalt sind vernetzt, Tendenz steigend. Sie dienen bisher vor allem als Motor für weiteres Wirtschaftswachstum, die Folgen für die Umwelt und zukünftige Generationen werden dabei kaum berücksichtigt. Das ist unverantwortlich. Mit dieser Kurzstudie tragen wir dazu bei, die ökologischen Herausforderungen der Digitalisierung zu benennen und Maßnahmen abzuleiten, um den Megatrend Digitalisierung in umweltfreundliche Bahnen zu lenken.

Die Fragen wurden per E-Mail gestellt.

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