Immanuel Stieß: „Ohne Wärmewende wird es keine klimaneutrale Zukunft geben”

Freitag, 29. Mai 2026 | Autor: Joachim Berner

Klimaexperte Immanuel Stieß Klimaexperte Immanuel Stieß Im Gespräch erläutert Klimaexperte Immanuel Stieß vom Fraunhofer-Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) die Bedeutung der Wärmewende für Klimaschutz, wirtschaftliche Entwicklung und gesellschaftliche Resilienz – und die Schlüsselrolle von Kommunen.

Erst Energiewende, jetzt Wärmewende. Die Kommunen ächzen unter der Last, und viele fragen sich: Muss das sein?
Ganz klar, ja. Weil die Art und Weise, wie wir Wärme in Gebäuden erzeugen und nutzen, mitentscheidet, ob die Klimaschutzziele erreicht werden. Man muss sich klarmachen, allein 15 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland entstehen durch das Beheizen von Gebäuden.

Welchen Beitrag kann die Wärmewende im besten Fall leisten?
Die Wärmewende senkt Emissionen und verbessert die Luftqualität in Kommunen. Außerdem steigert sie die Energieeffizienz. Der Einsatz moderner Technologien wie Wärmepumpen oder Solar- und Geothermie ist dabei ein entscheidender Treiber. Die Nutzung von erneuerbaren Energien und Abwärme und eine bessere Isolierung der Gebäude verringert zudem Energiekosten. Dabei geht es aber nicht nur darum, nachhaltige, erneuerbare Quellen für Heizung und Warmwasser zu nutzen – es geht auch darum, den Wärmebedarf zu verringern, um den Energieverbrauch insgesamt zu senken. Denn auch erneuerbare Energien stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung. Ohne Wärmewende keine klimaneutrale Zukunft und keine Unabhängigkeit von fossilen Energieimporten.

Welche Rolle spielt die Dekarbonisierung bei der Wärmewende?
Sicher lassen sich die Klimaziele am schnellsten mit einer konsequenten Wärmewende erreichen, bei der alle Aktivitäten und Technologien einbezogen werden, die Energie einsparen und den Wärmeverbrauch dekarbonisieren. Außerdem ist es der effektivste Weg, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern – ein Argument für die Wärmewende, das nicht nur ökologisch, sondern auch geopolitisch von großer Relevanz ist. Wir sehen die Schattenseite dieser Abhängigkeit ja nicht zuletzt in Ressourcenkonflikten. Die aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten sind da nur das jüngste Beispiel. Im Umkehrschluss heißt das: Eine Wärmewende, die auf die rasche Dekarbonisierung setzt, macht uns auch als Gesellschaft widerstandsfähiger. Gegenüber dem Klimawandel und gegenüber krisenhaften politischen Entwicklungen. Die Wärmewende ist also mehr als Klimaschutz – sie ist auch eine Frage der gesellschaftlichen Resilienz.

Wie teuer wird das?
Der Umstieg von einer fossilen zu einer postfossilen Wärmeversorgung erfordert Investitionen. Das ist zunächst mit erheblichen Kosten verbunden. Doch diese Investitionen in eine nichtfossile Wärmeversorgung lohnen sich langfristig nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch. Für die einzelnen Haushalte, weil es mittel- und langfristig Kosten senkt. Und für die wirtschaftliche Entwicklung, weil die technologischen Innovationen, die die Wärmewende tragen, neue Märkte und Arbeitsplätze schaffen – von der Produktion von Wärmepumpen bis hin zur Installation und Wartung von energieeffizienten Heizsystemen. Grüne Technologien sind Leittechnologien.

Den Kommunen ist mit dem Ausblick auf all diese Vorteile kurzfristig nicht geholfen. Die Wärmewende stellt sie vor enorme Herausforderungen. Sie beklagen akuten Personalmangel, fehlende Fachkenntnisse und hohe Finanzierungsbedarfe bei gleichzeitig klammen Haushalten.
In der Tat ist der Umbau der Wärmeversorgung eine Mammutaufgabe. Ob dies gelingt, wird in den Kommunen entschieden, sie sind Schlüsselakteure. Sie könnten die Initiative ergreifen und Maßnahmen gezielt steuern und gestalten, wenn es um die intelligente Nutzung lokal verfügbarer Energiequellen für die Wärmeversorgung geht. Die kommunale Wärmeplanung gibt den Kommunen ein Instrument an die Hand, mit dem sie die Wärmewende vor Ort planen und koordinieren können. Dabei geht es darum, überhaupt erst einmal zu ermitteln, wie hoch der Wärmebedarf in der Kommune ist, welche Einsparpotenziale durch energetische Sanierungen bestehen und wie die benötigte Wärme möglichst aus lokal verfügbaren erneuerbaren Energiequellen gedeckt werden kann.

Welche Lösungen kommen infrage?
Das kann die Wärme aus Flüssen oder Kläranlagen sein. Möglich ist auch, die Abwärme von Rechenzentren oder Geothermie zu nutzen. Es kommt auf die lokale Koordination an, denn nur so können zum Beispiel Wärmenetze sinnvoll geplant und vorhandene Wärmequellen optimal genutzt werden. Damit kommt viel Arbeit auf die Kommunen zu. Aber die Umsetzung der konkreten Maßnahmen, wie die Sanierung von Gebäuden oder der Bau eines Wärmenetzes, erfolgt nicht durch die Kommunen allein, sondern vor allem durch die Stadtwerke, Unternehmen, die Wohnungswirtschaft sowie private Eigentümer:innen. Bei unserem Forschungsprojekt Kommunale Wärmeplanung zur Aktivierung privater Eigentümer*innen (KWAPE) fragen wir deshalb, wie Besitzer:innen von Ein- und Zweifamilienhäusern bei der Planung und Umsetzung der kommunalen Wärmewende einbezogen und unterstützt werden können.

Was sind die größten Hürden für private Eigentümer:innen?
Das wurde in zahlreichen Studien untersucht. Die wichtigsten Hürden, die immer wieder genannt werden: fehlende Mittel zur Finanzierung, lange Amortisationszeiträume und der Aufwand für die Umbauarbeiten bei einer Sanierung. Zumindest in Deutschland ist die Anschaffung einer Wärmepumpe deutlich teurer als der Einbau einer neuen Öl- oder Gasheizung. Ob sich diese Investition lohnt, hängt von der Entwicklung der Energiepreise und dem künftigen CO2-Preis ab. Für viele ältere Eigentümer:innen ist dies eine große Hürde, weil sie Schwierigkeiten haben, bei ihrer Bank einen Kredit für eine neue Heizung oder eine Sanierung zu erhalten.

Welche Strategien gibt es, um Eigentümer:innen von Bestandsimmobilien wie Ein- und Zweifamilienhäusern zu unterstützen?
Sozial gestaffelte Förderprogramme können weniger wohlhabenden Hauseigentümer:innen die Finanzierung einer Sanierung erleichtern. Neue Geschäftsmodelle wie Heizungs-Leasing machen es möglich, dass auch Eigentümer:innen mit begrenztem Budget in eine neue Heizung investieren können, ohne die hohen Anschaffungskosten auf einmal stemmen zu müssen. Noch wenig untersucht ist das Potenzial von gemeinschaftlichen Lösungen: Eigenheimbesitzer:innen können zum Beispiel gemeinsam ein kleines Nahwärmenetz betreiben. Oder sie tun sich für die Beschaffung von Wärmepumpen zusammen oder um Kosten für Handwerkerleistungen zu sparen. Und es gibt vielversprechende Ansätze, wie eine verbesserte Planung und Koordination den zeitlichen Aufwand bei der Bauausführung und die damit verbundenen Belastungen deutlich verringern können.

Das Interview hat das Fraunhofer-Institut für sozial-ökologische Forschung zur Verfügung gestellt. Es wurde von der Pelletshome-Redaktion bearbeitet.

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