Michael Eder: „Wärmepumpen schneiden schlechter ab als wir dachten“

Freitag, 13. März 2020 | Autor: Joachim Berner

Michael Eder Michael Eder Die ökologische Nachhaltigkeit von Heizsystemen hat die Technische Universität Graz untersucht. Beauftragt hat sie das Amt der Steiermärkischen Landesregierung, um die Energieberatung im Bundesland quantitativ zu unterstützen. Im Interview mit Pelletshome.com erläutert Michael Eder die Ergebnisse der Berechnungen. Mit ehemaligen Arbeitskollegen vom Institut für Prozess- und Partikeltechnik hat er inzwischen die Firma Strateco gegründet. Sie führt Lebenszyklusanalysen und Nachhaltigkeitsbewertungen durch. Außerdem entwickelt sie Strategien zur optimalen Nutzung erneuerbarer Ressourcen in ländlichen Regionen und Stadtteilen.

Herr Eder, zu welchen Ergebnissen sind Sie bei der ökologischen Bewertung von Heizsystemen gekommen?
Die erste Kernaussage lautet wenig überraschend, dass fossile Heizungssysteme schlecht abschneiden. Das gilt auch für Gas-Brennwertsysteme. Die zweite: Bei Wärmepumpen muss man genau hinsehen, um eine klare Aussage machen zu können. Wenn man es allgemein formulieren will, dann entscheidet die Wahl des Energieträgers über den ökologischen Fußabdruck. Allerdings macht es im Detail einen Unterschied, in welchem Zustand sich das Gebäude befindet, in dem die Heizanlage arbeitet. Die Wahl der Wohnform spielt ebenfalls eine, wenn auch nicht große Rolle.

Welche Idee steht hinter dem ökologischen Fußabdruck?
Es existieren unterschiedliche Berechnungsmethoden zum ökologischen Fußabdruck. Wir haben mit dem sogenannten Sustainable Process Index bewertet. Er vergleicht menschliche Aktivitäten mit den Möglichkeiten der Natur, Ressourcen zur Verfügung zu stellen und Schadstoffe aufzunehmen. Man vergleicht anthropogene mit natürlichen Stoffströmen. Es zeigt sich, dass ein Ungleichgewicht herrscht. Die Menschen überbeanspruchen die Möglichkeiten der Natur, sich zu erneuern. Je stärker wir die natürlichen Erneuerungsraten übernutzen, desto größer fällt der ökologische Fußabdruck aus. Dabei betrachten wir immer den gesamten Lebenszyklus eines Produkts: von der Produktion über die Nutzung bis zur Entsorgung. Das ist ganz wesentlich. Betrachtet man nur den Betrieb, kommt man zum Teil zu ganz anderen Ergebnissen.

Worin unterscheidet sich der ökologische Fußabdruck von anderen Bewertungen?
Heutzutage werden häufig nur die Kohlendioxidemissionen betrachtet. Dabei werden aber beispielsweise die Umweltauswirkungen von Atomstrom nicht ausreichend berücksichtigt. Der CO2-Fußabdruck von Atomstrom ist nämlich relativ gering. Beim Sustainable Process Index schneidet Atomstrom dagegen extrem schlecht ab, weil der Index den natürlichen Kreislauf mit dem anthropogenen Input vergleicht. Das wird relevant bei den Heizungssystemen, die Strom verwenden. Der Anteil der Atomenergie am Strommix in Deutschland und Österreich ist ja nicht ganz gering. Wir haben in Österreich zwar keine Atomkraftwerke in Betrieb. Aber das heißt nicht, dass wir keinen Atomstrom verbrauchen. Wir importieren Strom mit einem gewissen Anteil Atomenergie hauptsächlich aus Deutschland und Tschechien. Der würde nicht berücksichtigt werden, würde man nur den CO2-Fußabdruck verwenden.

Auswahl von Heizungssystemen Auswahl von Heizungssystemen Lassen Sie uns über Holzheizungen reden. Was lässt sie gut abschneiden?
Die Natur, so wie wir einen Fußabdruck berechnen, besitzt eine gewisse Kapazität, fossilen Kohlenstoff aufzunehmen und wegzuspeichern. Wir Menschen bringen aber ungleich mehr fossilen Kohlenstoff in die Atmosphäre als über den Meeresboden gebunden werden kann. Das macht im Wesentlichen den großen Unterschied zwischen den fossilen und den erneuerbaren Energieträgern aus.

Warum kommen Stückholzvergaser auf einen niedrigeren ökologischen Fußabdruck als Pelletsheizungen?
Das liegt an der Verarbeitung des Rohstoffs. Pellets sind aufwändiger herzustellen als Stückholz. Die zur Pelletierung notwendigen Prozessketten fallen stärker ins Gewicht als die etwas erhöhten Emissionen bei Stückholz.

Häufig wird der Feinstaubausstoß von Holzheizungen kritisiert. Inwieweit berücksichtigt der ökologische Fußabdruck die Staubemissionen von Heizanlagen?
Sie werden berücksichtigt. Aber dadurch, dass er Natur – salopp gesagt – Feinstaub nicht unbekannt ist, schlägt der Wert nicht durch. Der ökologische Fußabdruck ist kein Indikator für Gesundheit. Das muss klar sein. Er ist ein Indikator für die Belastung der Natur.

Sie haben vorher das Thema Wärmepumpen angesprochen. Was gilt es bei ihrem ökologischen Fußabdruck zu beachten?
Wärmepumpen schneiden unterm Strich schlechter ab als wir dachten. Das liegt am österreichischen Strommix – trotz des relativ hohen Anteils an Wasserkraft. Eine Außenluft-Wärmepumpe schneidet nicht viel besser als ein Gaskessel ab. Wer seine Wärmepumpe allerdings mit zertifiziertem Ökostrom betreibt, der kommt auf einen guten Wert für den ökologischen Fußabdruck.

Zum Thema Stromheizung passt die Photovoltaik. Aufgrund stark sinkender Systempreise wird sie immer attraktiver – auch für das Heizen. Interessant wäre ein Vergleich mit der Solarthermie.
Wir haben die beiden Solartechnologien nicht im Detail miteinander verglichen. Wir hätten neben der Wärmeerzeugung auch die Stromproduktion betrachten müssen. Der Strom einer Photovoltaikanlage wird ja nicht ausschließlich zum Heizen eingesetzt. Sagen lässt sich aber, dass sich der ökologische Fußabdruck mit Photovoltaikstrom senken lässt – wenn er Netzstrom ersetzt. Grundsätzlich ist es aber so, dass eine Kilowattstunde Wärme aus Solarthermie zu einem geringeren Fußabdruck führt als eine Kilowattstunde Strom zur Wärmeerzeugung – auch, wenn der Strom aus einer Photovoltaikanlage stammt. Das hat damit zu tun, dass die Herstellung einer Solarthermieanlage weniger aufwändig ist.

Wie lautet Ihr Fazit zu den Untersuchungen?
Berücksichtigt man alle Faktoren – die Wahl des Energieträgers, den Gebäudezustand, die Wohnform – lässt sich der ökologischen Fußabdruck um über neunzig Prozent reduzieren. Als Beispiel hierfür haben wir einen Ölkessel in einem bestehenden Einfamilienhaus mit einer Pelletsheizung plus Solarthermieanlage in einem neu gebauten Mehrfamilienhaus verglichen. Das zeigt, dass Handlungsmöglichkeiten bestehen. Das ist die gute Nachricht. Es ist nicht so, dass wir nichts tun können, um die Umwelt zu entlasten und unser Klima zu schützen.

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse zum ökologischen Fußabdruck von Heizungen können Sie hier herunterladen.

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