Uwe Bigalke: „Seriell kommen wir aus dem Sanierungsstau“

Mittwoch, 18. Dezember 2024 | Autor: Joachim Berner

Uwe Bigalke Uwe Bigalke Warum serielles Sanieren zum Tempomacher bei der klimaneutralen Transformation des Gebäudesektors werden kann, erklärt Uwe Bigalke, Leiter des Kompetenzzentrums Serielles Sanieren/Energiesprong DE der Deutschen Energie-Agentur.

Herr Bigalke, um die Klimaziele der Bundesregierung bis 2045 zu erreichen, muss ein Großteil des 21 Millionen Mehrfamilienhäuser, Ein- und Zweifamilienhäuser sowie Nichtwohngebäude umfassenden Gebäudebestands in den nächsten 21 Jahren energetisch saniert werden. Was ist der zentrale Unterschied zwischen konventionellem und seriellem Sanieren?

Bei der konventionellen Sanierung erfolgen rund 90 Prozent der Arbeiten manuell und kleinteilig auf der Baustelle. Beim seriellen Sanieren ist die gesamte Prozesskette komplett durchdigitalisiert. Das fängt beim Aufmaß per 3D-Scan und Drohnentechnik an und geht über die KI-gestützte Planung und automatisierte Fertigung bis zur smarten Mess-, Steuer- und Regelungstechnik. Die im Werk vorgefertigten Fassaden-, Dach- und Technikmodule werden auf der Baustelle nur noch montiert. Auf diese Weise lassen sich Bestandsgebäude schneller, wirtschaftlicher und mieterfreundlicher auf Klimakurs bringen.

Ist serielles Sanieren ein Patentrezept für den gesamten Gebäudebestand?

Nein, nach unseren Portfolioanalysen sind rund 30 Prozent aller Mehrfamilienhäuser für eine serielle Sanierung geeignet. Hinzu kommen weitere 15 Prozent, bei denen eine serielle Sanierung technisch möglich ist, jedoch noch unklar ist, ob sie wirtschaftlich umgesetzt werden kann. Im Nichtwohngebäudesegment bieten beispielsweise Kindergärten, Schulen, Sporthallen und Verwaltungsgebäude aufgrund ihrer oft einfachen Kubatur optimale Voraussetzungen. Hinzu kommen etwa vier Millionen Einfamilienhäuser, die aus unserer Sicht seriell saniert werden können.

Einfamilienhäuser sind sehr unterschiedlich. Lassen sie sich auch in Serie sanieren?

Seriell sanieren heißt nicht, dass die Gebäude und Elemente immer genau gleich sein müssen. Seriell bedeutet in diesem Fall, dass ein standardisiertes Verfahren gewählt wird. Die Erfassung der Abmessungen erfolgt bei Einfamilienhäusern genauso wie bei den Objekten einer Mehrfamilienhaussiedlung über einen 3D-Scan und wird in die Fertigung übertragen. So können auch unterschiedliche Gebäude mit dem immer gleichen Prozess und Sanierungsbaukasten auf ein klimaneutrales Niveau gebracht werden.

Corelli-Quartier in Düsseldorf Corelli-Quartier in Düsseldorf Wie schneiden serielle Sanierungslösungen im Vergleich zu konventionellen Lösungen ab, wenn es um Kosten geht?

Wie alle Innovationen ist serielles Sanieren anfangs noch etwas teurer als eine konventionelle energetische Modernisierung. Die innovationstypischen Kostennachteile gleicht aber der Bonus der Bundesförderung für effiziente Gebäude aus. Damit halten sich serielle und konventionelle Sanierungslösungen kostenmäßig in etwa die Waage.  Bezieht man allerdings andere Faktoren ein, wie die höhere Qualität, die Zeitersparnis und die Sanierung in bewohntem Zustand, ist serielles Sanieren schon heute oft wirtschaftlicher. Mittelfristig muss es sich selbstverständlich ohne staatliche Förderung am Markt behaupten. Während das Kostensenkungspotenzial konventioneller Lösungen weitestgehend ausgereizt ist und die Preise künftig inflationsbedingt steigen dürften, ist bei seriellen Sanierungslösungen noch viel Luft nach unten. Seit den ersten Pilotprojekten 2021 sehen wir Kostensenkungen von 30 bis 40 Prozent.

Einer der größten Vorteile des seriellen Sanierens ist die Schnelligkeit. Wie viel Zeit wird wirklich eingespart?

Die Lernkurve ist steil. Wir merken, dass bei den zweiten und dritten Projekten die Prozessabläufe zwischen Bau- und Wohnungsunternehmen immer besser funktionieren. Digitale Planung, industrielle Vorfertigung, standardisierte Prozesse und eine effiziente Baustellenlogistik ermöglichen ein Tempo, das mit konventionellen Verfahren schlichtweg nicht erreichbar ist. Für größere Mehrfamilienhäuser gehen wir künftig von Sanierungszeiten von zwei bis drei Monaten aus.

Nicht bei allen Gebäuden ist eine Komplettsanierung notwendig. Sind auch serielle Teilsanierungen möglich?

Serielles Sanieren ist ein flexibles Baukastensystem, aus dem sich jeder Eigentümer eine maßgeschneiderte Lösung für seinen Bestand zusammenstellen kann. Wurden in der Vergangenheit bereits Sanierungsmaßnahmen durchgeführt, werden diese von vornherein berücksichtigt und in das Sanierungskonzept einbezogen. Man muss dabei allerdings berücksichtigen, dass der 15-prozentige Bonus nur in Anspruch genommen werden kann, wenn nach der Sanierung Effizienzhausstandard 55 oder 40 erreicht wird.

Projekte serielles Sanieren Projekte serielles Sanieren Viele Eigentümer halten den Net-Zero-Standard für zu ambitioniert. Muss er immer erreicht werden?

Der Net-Zero-Standard ist ein Zielstandard, der schon in vielen Projekten erreicht werden konnte. NetZero bedeutet, dass seriell sanierte Gebäude durch Photovoltaikmodule auf dem Dach und gegebenenfalls Teilen der Fassade im Jahresdurchschnitt so viel Solarenergie erzeugen, wie die Bewohnerinnen und Bewohner für Heizung, Warmwasser und Haushaltsstrom benötigen. Dies ist ein entscheidender Faktor für eine mietkostenneutrale Umsetzung von Sanierungsvorhaben. Im Idealfall wird die Modernisierungsumlage durch hohe Energieeinsparungen von bis zu 90 Prozent und dauerhaft günstigen selbst erzeugten Mieterstrom kompensiert.

Welche Vorteile bieten serielle Sanierungen den Bewohnenden?

Ziel der seriellen Sanierung ist eine mietkostenneutrale Umsetzung, bei der sich die Sanierung aus hohen Energieeinsparungen und geringeren Instandhaltungskosten refinanziert – ohne Mehrbelastung für die Mieterinnen und Mieter. Im Idealfall sollen die Bewohnenden unterm Strich nicht mehr zahlen als vorher. Das geht noch nicht in allen Fällen ganz auf, ist aber in greifbarer Nähe. Da sich die Bauzeit vor Ort und damit die Belastung durch Lärm und Staub auf ein Minimum reduziert, müssen die Mieterinnen und Mieter nicht ausziehen, sondern können während der Sanierung in ihren Wohnungen bleiben. Zudem profitieren sie von einem höheren Wohnkomfort.

Serielles Sanieren wird häufig mit Plattenbau assoziiert. Sehen seriell sanierte Gebäude immer gleich aus?

Nein, denn mit Industrie und Handwerk 4.0 sind auch in der Serienfertigung umfangreiche individuelle Anpassungen möglich. Ein Blick auf bereits realisierte serielle Sanierungsprojekte zeigt die gestalterische Vielfalt. Jeder Pilot ist ein architektonisches Unikat, das sich optimal in das städtebauliche Umfeld einfügt. Besonders im Hinblick auf die architektonisch und qualitativ oft wenig überzeugenden Nachkriegsbauten bietet sich im Rahmen einer seriellen Sanierung sogar die Chance einer „Stadtreparatur“, indem die energetische Modernisierung mit einer gestalterischen Optimierung kombiniert wird.

Wie kreislauffähig sind serielle Sanierungslösungen?

Kreislauffähigkeit ist beim seriellen Sanieren kein Muss, perspektivisch aber ein großes Plus. Denn vorgefertigte Fassaden-, Dach- und Technikmodule können als Materiallager dienen, wenn die Weichen schon während der Planung in Richtung Zirkularität gestellt werden. Wichtig ist dabei, dass sich alle verbauten Materialien am Ende des Lebenszyklus sauber voneinander trennen lassen. Das setzt kreislauffähige Konstruktionsprinzipien voraus. Durch die Nutzung von Building Integrated Modeling entlang der gesamten Wertschöpfungskette können alle Informationen erfasst werden, die für die Erstellung eines Materialpasses notwendig sind: unter anderem Menge, Herkunft, Qualität und CO2-Bilanz. Das erleichtert die spätere Rückführung in den Wertstoffkreislauf – und macht seriell vorgefertigte Module zu einem Rohstoffdepot für die nächste Generation von Gebäudemodulen. Jedes Material, das wiederverwendet wird, muss nicht produziert werden und spart somit Rohstoffe, Energie und Treibhausgasemissionen ein. Das ist nicht nur aus ökologischer Sicht sinnvoll, sondern rechnet sich angesichts immer knapper werdender natürlicher Ressourcen und explodierender Rohstoffpreise auch wirtschaftlich.

Das Interview mit Uwe Bigalke hat die Deutsche Energie-Agentur (Dena) zur Verfügung gestellt. Es wurde von der Pelletshome-Redaktion bearbeitet.

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