Thilo Jungkunz: “Wir sind mehr als nur ein Ökostromversorger”

Mittwoch, 29. Oktober 2014 | Autor: Joachim Berner

Die Naturstrom AG baut im oberpfälzischen Lupburg ein Ökowärmenetz. Es wird künftig rund 70 Haushalte und öffentliche Gebäude mit umweltfreundlicher Wärme versorgen, die aus Holzpellets und Holzhackschnitzeln der Region produziert wird. Im Interview mit Pelletshome.com erläutert Thilo Jungkunz, Geschäftsbereichsleiter Dezentrale Energieversorgung, das Projekt und die Chancen einer Wärmewende vor Ort.

Herr Jungkunz, was bringt einen Ökostromversorger dazu, ein Ökowärmenetz zu bauen?
Die Energiewende betrifft nun einmal nicht nur den Strom-, sondern auch den Wärmemarkt. Deswegen bietet Naturstrom seit Ende 2009 Biogastarife an und betreibt eigene Biogasanlagen. Wir sind also schon längst mehr als nur ein Ökostromversorger. Hinzu kommt, dass wir seit 2013 einen Geschäftsbereich aufbauen, der lokale Energieversorgungslösungen für Kommunen, Gewerbebetriebe und die Wohnungswirtschaft anbietet. Da lag es für uns nahe, auch Nahwärmeprojekte auf Basis erneuerbarer Energien anzugehen.

Wie kam das Projekt zustande?
Der Bürgermeister von Lupburg kam mit der Idee auf uns zu. Quasi der Optimalfall: eine unglaublich engagierte Gemeindeverwaltung, die das Projekt mit Feuereifer gemeinsam mit uns vorangetrieben hat. Dank der tollen Zusammenarbeit, die sich daraus entwickelt hat, konnten wir das Projekt von der ersten Idee an in rund neun Monaten umsetzten – was wirklich sehr schnell ist.

In Lupburg besteht die Wärmezentrale aus einem Holzvergaser, einem Hackschnitzkessel und einem Blockheizkraftwerk. Warum setzen sie mehrere verschiedene Biomassetechnologien ein?
Das hängt mit der Abwägung zwischen Wirtschaftlichkeitsaspekten und der praktischen Handhabung zusammen. Die Hackschnitzel können wir in diesem Fall etwas günstiger beziehen als die Pellets. Außerdem sind sie regionaler verfügbar, was wir als großen Pluspunkt erachten, da uns die Wertschöpfung in der Region sehr wichtig ist. Diese Argumente sprechen also für die Hackschnitzel. Die Einheit aus Pellets-Holzvergaser und BHKW ist demgegenüber sehr wartungsarm und zuverlässig. Bei einem Hackschnitzel-Holzvergaser hätten wir mit einem höheren Wartungsaufwand rechnen müssen. Beide Brennstoffe haben also ihre Vorteile. Daher setzen wir auch beide ein.

Welche Rolle spielen Holzpellets zur Nahwärmeversorgung in Lupburg?
Gegenüber den Hackschnitzeln die deutlich größere. Durch die mit Pellets bestückte Einheit aus Holzvergaser und BHKW werden rund 67 Prozent der Wärme erzeugt. Außerdem wird im BHKW noch Strom produziert, der für die Wirtschaftlichkeit des Gesamtsystems natürlich ebenfalls eine Rolle spielt.

Eine Besonderheit des Projekts ist der Einsatz einer Power-to-Heat-Anlage. Wie funktioniert sie und welche Vorteile bringt sie?
Die Power-to-Heat-Anlage sichert zum einen die Notversorgung für das Nahwärmenetz, zum anderen können wir durch sie negative Regelenergie anbieten und somit zur Stabilisierung des Stromnetzes beitragen. Im Detail heißt das: Im Falle eines Regelenergieabrufs wird der im BHKW erzeugte Strom nicht wie im Normalfall ins Netz eingespeist, sondern durch die Power-to-Heat-Anlage in Wärme umgewandelt. Umgekehrt kann die Anlage im Notfall Strom über das Netz beziehen und damit etwa 180 Kilowatt thermische Leistung bereitstellen.

Wie sieht die Aufgabenverteilung zwischen Naturstrom, Gemeinde und Bürgergenossenschaft aus?
Naturstrom hat das Nahwärmenetz konzipiert, die gesamte Projektierung des Netzes sowie der Heizzentrale und die Vor-Finanzierung übernommen. Künftig wird die Heizzentrale von einer Betreibergesellschaft unter dem Dach von Naturstrom betrieben. Das Netz wird von einer Bürgergenossenschaft übernommen. Eine Partnerschaft auf Augenhöhe also.

Sehen Sie das Engagement als Pilotprojekt für ein neues Geschäftsfeld an?
Die Wärmeprojekte sind bei Naturstrom im Geschäftsbereich „Dezentrale Energieversorgung“ angesiedelt, den wir seit 2013 aufbauen. In diesem Bereich haben wir bereits einige Projekte umgesetzt, deren gemeinsamer Nenner es ist, Vor-Ort-Lösungen für eine Energieversorgung aus regenerativen Quellen zu schaffen – beispielsweise für Wohnsiedlungen, Gewerbebetriebe oder Kommunen. Aktuell treiben wir in diesem Bereich viele Projekte in den unterschiedlichsten Stadien voran, darunter auch Projekte für Nahwärmnetze. Das eine oder andere davon werden wir im Laufe des nächsten Jahres sicherlich realisieren.

Welche Perspektiven bieten sich ökologischen Nahwärmeversorgungen aus Ihrer Sicht als Ökostromversorger?
Da gibt es noch viel zu tun. Im Wärmebereich ist die Energiewende noch ziemlich am Anfang. Dabei haben Nahwärmenetze auf Basis erneuerbarer Energien viele Vorteile. Engagierte Bürger und Gemeinden nehmen so die Energiewende vor Ort selbst in die Hand. Die Anschlussnehmer heizen sauber und ressourcenschonend, nutzen Brennstoffe aus der Region und tragen dazu bei, dass ein hoher Teil der Wertschöpfung vor Ort oder zumindest in der Gegend bleibt. Wenn Gemeinden solche Projekte angehen, sind wir gerne als Partner mit im Boot, denn die Bürgerbeteiligung bei der Energiewende sehen wir als zentralen Faktor dafür an, ob dieses Unterfangen gelingen wird.

Weitere Informationen: www.naturstrom.de

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