Prof. Dr. Ellen Matthies
Viele Menschen wollen mehr Klimaschutz, verhalten sich aber oft nicht konsequent. Im Interview erklärt Professorin Ellen Matthies, wie die Diskrepanz zustande kommt und was sich beispielsweise auch am Arbeitsplatz tun lässt, um den Klimaschutz voranzubringen. Matthies forscht am Institut für Psychologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg zu Mensch-Umwelt-Interaktionen.
Frau Matthies, warum ist es manchen Leuten wichtig, Umwelt und das Klima zu schützen, anderen dagegen weniger?
Die Ergebnisse der Forschung zeigen deutlich: Den meisten Menschen ist die Umwelt wichtig. Sie halten Klimaschutz für bedeutsam. Das bestätigt zum Beispiel eine Studie des Umweltbundesamtes, die im Mai 2019 herausgegeben wurde. Eine hohe Anzahl der Befragten ist bereit, ihren Lebensstil dementsprechend umzustellen, wenn die Bedingungen dafür stimmen.
Warum handeln dennoch viele Menschen anders und pflegen keinen ökologisch vertretbaren Lebenswandel?
Viele Menschen möchten umweltfreundlich und dem Klimaschutz gemäß handeln. Doch die vorgefundenen Bedingungen in unserer Gesellschaft unterstützen einen ökologischen Lebenswandel nur wenig. Tatsächlich wird das eigene Verhalten im Alltag von vielen weiteren Faktoren beeinflusst als das vorgestellte, ideale Handeln. Das konkrete Handeln im Alltag ist von einer Vielzahl von Faktoren abhängig, ist in Kontexte eingebettet, die den ökologischen Lebenswandel meist nicht begünstigen, beispielsweise fehlender Öffentlicher Verkehr im urbanen Raum. Einige Dinge werden dann schwierig oder unbewältigbar, wie zum Beispiel, einen großen Einkauf zu erledigen oder sperrige Gegenstände zu transportieren. Dafür gibt es oftmals keine guten Alternativen zum eigenen Auto. Das liegt aber nicht daran, dass es nicht möglich ist, Lösungen dafür zu entwickeln und anzubieten. Sie werden aber viel zu wenig eingefordert und auch politisch blockiert, wie zum Beispiel im Fall von Uber. Daran wird klar: Ein starkes Umweltbewusstsein kann sich in vielen Bereichen nicht in einer positiven Umweltbilanz ausdrücken. Umso bemerkenswerter ist es, dass es trotz fehlender Voraussetzungen Menschen gibt, die sehr konsequent eine große Bereitschaft zeigen, etwas zu ändern, trotz schwieriger Verhältnisse für umweltfreundliches Handeln.
Warum ist das so, dass die Bedingungen ein dem Klimaschutz zuträgliches Verhalten so schwierig machen?
Die Normalität ist heute meist das klimaschädliche Handeln, wie zum Beispiel das Fahren großer Autos. SUV zu fahren ist anerkannt, derzeit zumindest noch, und wird wenig hinterfragt. Das wandelt sich aktuell. Doch es ist wichtiger als wir zugeben, was die anderen von uns denken, also was in der Gesellschaft als normal und angemessen gilt. Die individuelle Mobilität wird aktuell sehr hoch bewertet. Sie ist meist anerkannter als die nicht-individuelle Mobilität, also das Mitfahren oder die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Noch leben wir in einer Kultur der Bevorzugung von umweltschädlicher Mobilität. Dagegen ist als Einzelne nur schwer anzukommen.
Wie lässt sich dennoch etwas ändern?
Um daran etwas zu ändern, müssen wir neue, bessere Rahmenbedingungen schaffen. Klimaschutz muss als übergeordnetes Ziel angesehen werden. Und es gilt dann, die damit verbundenen Veränderungen und Neuerungen als etwas Positives zu begreifen. Wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen, dann lässt sich als Einzelne wenig ausrichten. Das kann schnell demoralisieren. Daher bin ich glücklich darüber, dass die Rahmenbedingungen sich nun endlich ändern werden, zum Beispiel der Ausbau der Bahn, niedrigere Preise im Fernverkehr, bessere Bedingungen für Fahrradmobilität und so weiter. Wenn die Rahmenbedingungen sich nun ändern, dann können wir optimistisch sein, dass sich auch viel mehr Menschen klimafreundlich verhalten.
Wie ist es mit dem Arbeitsplatz? Auch dort sind Klimaschutz und das Einsparen von Energie gefordert.
Wichtig für das Einsparen von Energie im Alltag ist: Es sollte zugleich an vielen Orten meines Alltagslebens stattfinden, also bei Freunden, bei Verwandten und auch am Arbeitsplatz. Wenn ich beispielsweise sehe, dass sich an meinem Arbeitsplatz etwas grundlegend ändert und das Unternehmen, in dem ich arbeite, treibt das Energiesparen sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus wertgebundenen Gründen voran, dann ist das gut. Die meisten Menschen ziehen eine Befriedigung daraus, an etwas Sinnvollem wie Klimaschutz mitzuwirken. Das wirkt sich auch positiv auf das Betriebsklima insgesamt aus. Es kann darüber hinaus dazu motivieren, Veränderungen auch zu Hause und bei Freunden in Gang zu bringen oder zu unterstützen.
Wie lässt sich am Arbeitsplatz das Verhalten hin zu mehr Klimaschutz und Energieeffizienz ändern?
Da ist vieles möglich. Bei der Gebäudenutzung sind das zum Beispiel Optimierungen beim Thema Heizen und Lüften, ebenso bei der Anschaffung und der Nutzung der Ausstattung. Es empfiehlt sich zum Beispiel, die Kühlschränke in den Küchen und Pausenräumen der Abteilungen zu überprüfen und alte Geräte austauschen. Es lohnt sich, die Alltagsabläufe zu checken und mit kleinen Dingen anzufangen, wie die Bildschirme abzuschalten, wenn sie nicht benötigt werden, Stoßlüftung vorzunehmen und das Licht auszumachen, wenn der Raum nicht mehr genutzt wird. Es kommt darauf an, eine generelle Sensibilität zu entwickeln. Wichtig ist dazu auch der Austausch im Kollegenkreis. Der bewirkt viel. Dann ist das Thema viel stärker und präsenter. Zugleich muss das Vorhaben weit oben im Unternehmen, also auf der Leitungsebene vertreten werden. Denn auf die Vorbildfunktion kommt es an. Wichtig ist, dass Menschen, die Meinungsträger sind, deutlich zeigen, dass sie sich dafür engagieren und damit die Idee stärken.
Um sich nicht zu demoralisieren, ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass eine Verhaltensänderung zu Beginn auch anstrengend sein kann. Gerade am Arbeitsplatz handeln wir oft in Routinen. Und bei der Umsetzung von neuem Verhalten können wir auch scheitern, zum Beispiel können wir vergessen, dass wir eigentlich beim Verlassen des Büros das Licht ausmachen wollten. Da müssen wir uns selbst durch Tricks daran erinnern, bis wir eine neue Routine entwickelt haben. Hier können Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen helfen, vorausgesetzt, dass sie uns unterstützen und freundlich erinnern, nicht ermahnen oder es besser wissen.
Wie verankert man im Betrieb dauerhaft klimafreundliches Verhalten?
Um das zu schaffen, muss man Unterstützung für die Veränderung zur Verfügung stellen. Ein internes Team sollte mit dem Projekt beauftragt werden und über das Thema informieren, konkrete Handlungsvorschläge machen und Erinnerungsstützen einrichten. Denn wenn ein Verhalten nicht eingeübt ist, fällt es sehr schwer, immer daran zu denken und es jederzeit umzusetzen. Und man darf den Mitarbeitern nicht mit Vorwürfen begegnen, wenn sie sich nicht an die Empfehlungen halten. Das kann das Gegenteil bewirken. Damit so ein Team im Unternehmen zusammenkommt und erfolgreich agiert, dafür gibt es zum Beispiel das Projekt “mission E” der EnergieAgentur.NRW. Im Rahmen dieses Projektes werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Unternehmen angeleitet, wie sie dauerhaft eine Fülle von Maßnahmen zum Energiesparen umsetzen und auch die Kollegen dafür gewinnen können, durch Aktionswochen, Beratungsangebote und so weiter. Das ist der richtige Weg.
Was macht man, wenn es trotz guten Willens nicht klappt mit der Verhaltensänderung?
Dann muss man nochmal gemeinsam überlegen: Warum klappt es nicht, was hindert uns oder was können wir besser machen, damit es besser gelingen kann? Also nicht das Ziel vorschnell aufgeben. Es kommt darauf an, eine fehlerfreundliche Kultur aufzubauen. Ein Schulddiskurs hilft nicht. Dass es zu Beginn unbequem ist, sein Verhalten zu ändern, ist ja normal. Veränderung und Scheitern macht uns oft Angst. Diese Angst kann man aber auflösen. Man denke an das Rauchverbot in Restaurants und Kneipen. Das ist ein Wandel, der seinerzeit stark diskutiert wurde. Große Bedenken wurden lautstark formuliert und dann wurde es doch recht schnell und problemlos umgesetzt. Heute hinterfragt es keiner mehr ernsthaft. Man muss das Thema Klimaschutz als etwas Notwendiges und Positives kommunizieren. An so einer sinnvollen Sache mitzumachen, fördert letztlich unsere Zufriedenheit und das nützt auch dem Zusammenhalt im Unternehmen und in der Gesellschaft.
Das Interview hat die EnergieAgentur.NRW zur Verfügung gestellt (Autorin: Meike Nordmeyer). Es wurde von der Pelletshome-Redaktion bearbeitet.