Deutschland wird sein 2020-Klimaziel, 40 Prozent weniger Treibhausgasemissionen gegenüber 1990, nicht erreichen. Zu diesem Ergebnis kommt der Energieexperte Dr. Joachim Nitsch in seiner aktuellen Studie „Die Energiewende nach COP 21“, die der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) veröffentlicht hat. Im Interview mit Pelletshome.com erklärt er warum und welche Maßnahmen es für eine bessere Klimabilanz braucht.
Dr. Nitsch, aus welchen Gründen wird Deutschland sein Klimaschutzziel verpassen?
Der Hauptgrund liegt in der mangelnden Effizienzsteigerung. Deutschland hat ja neben dem Ausbau der erneuerbaren Energien das Ziel, den Primärenergiebedarf deutlich zu verringern. Doch das werden wir bis 2020 in dem geplanten Ausmaß nicht schaffen. Die nach wie vor passable Entwicklung des Erneuerbare Energien-Stroms reicht nicht aus, um das Defizit zu kompensieren – zumal wir in der Wärmeversorgung und beim Verkehr nicht viel tun. Das Kurzfrist-Ziel könnten wir selbst dann nicht mehr schaffen, wenn wir uns besonders anstrengen würden.
Wo liegen die Hauptdefizite bei der Energieeffizienz?
Vor allem im Gebäudebereich. Die angestrebte Altbausanierung bleibt weit hinter den notwendigen Umsetzungsraten zurück. Das liegt daran, dass sich Bundestag und Bundesrat nicht auf eine effiziente Förderung durch Steuererleichterungen einigen konnten. Und beim Verkehr passiert gar nichts. Dort nimmt der Verbrauch sogar leicht zu. Im Moment wirken natürlich auch die niedrigen Ölpreise und somit die niedrigen Energiekosten einer Verbesserung entgegen. Es gibt für Haushalte und Industrie kaum Anreize, in Effizienz zu investieren.
Welche Maßnahmen wären nötig, damit Deutschland sein Klimaziel erreicht?
Den größten Hebel bilden die Energiepreise. Wenn man Ziele für den Klimaschutz erreichen will, dann muss man ihn in Preissignalen sichtbar machen. Deshalb wäre es aus meiner Sicht am sinnvollsten, wenn man die CO2-Emissionen merklich bepreisen würde, also den europäischen Emissionshandel deutlich verschärfen und zusätzlich CO2-Abgaben auf fossile Brennstoffe für nicht vom Emissionshandel erfasste Bereiche einführen würde. Wenn man das nicht macht, bekommt man auf Dauer keinen marktgestützten Klimawandel hin. Solange die Energiepreisrelationen so sind wie sie sind, wird trotz aller Appelle und punktueller Förderung nicht viel geschehen.
Wie beurteilen Sie die Beschlüsse zum Klimavertrag in Paris angesichts Ihrer Analyse?
Dort zeigte sich ein Hoffnungsschimmer. Die Staaten haben sich im Prinzip bereit erklär, etwas zu tun. Über diesen ersten Appell hinaus ist jedoch noch nicht viel geschehen. Eigentlich müsste gerade Europa, das ja schon immer ein gewisser Motor war für den Klimaschutz, jetzt die nächsten Schritte einleiten. Das beträfe unter anderem den gerade erwähnten Emissionshandel. Aber im Moment ist, wie sie wissen, Europa durch andere Probleme in Anspruch genommen. Das Klimathema ist leider völlig in den Hintergrund getreten.
Sie nennen in Ihrer Studie fehlende Maßnahmen im Wärmemarkt als einen Grund, warum Deutschland zu wenig Kohlendioxid spart. Welche politischen Eingriffe wären aus Ihrer Sicht hilfreich?
Der Wärmemarkt ist ein äußerst heterogenes und kompliziertes Feld mit Millionen von Akteuren. Wirksame ökonomische Anreize wären das wichtigste. Es wäre längst fällig, die Gebäudesanierung durch großzügige Steuerabschreibungen auf den Weg zu bringen. Der nächste Schritt wäre, die bereits bestehende EU-Effizienzrichtlinie stärker umzusetzen. Die Bundesregierung und die Landesregierungen müssten die Kommunen stärker in die Pflicht nehmen, sich über eine ökologische Wärmeversorgung ihrer Stadtquartiere Gedanken zu machen.
Wie muss Deutschland im Jahr 2050 heizen, damit es 95 % weniger Kohlendioxid ausstößt?
Man müsste mehr tun bei der Nutzung der Solarthermie. Man müsste auch mehr tun bei der Umweltwärme. Und natürlich besitzen wir noch Potenziale bei der Biomasse. Außerdem müssten wir uns mehr Gedanken über Wärmenetze machen. Wir können gerade die erneuerbaren Energien in großem Ausmaß und am effizientesten über Wärmenetze nutzen. Unsere Berechnungen gehen dahin, dass sehr viel mehr Gebäude langfristig an Wärmenetze angeschlossen sein müssten, 50 bis 70 Prozent. Heute sind es gerade mal 20 Prozent. In Wärmenetzen könnte man vor allem die Biomasse effizienter einsetzen. Außerdem könnte man die Solarthermie auch mit größeren Anlagen in die Netze einspeisen und saisonale Speicher einsetzen. Es wäre auch möglich, im Überschuss vorhandenen erneuerbaren Strom in Wärmenetze einzuspeichern. Sie sehen schon, es müssten große strukturelle Veränderungen in der Wärmeversorgung stattfinden. Doch diese müssen angestoßen werden. Da sind vor allem die Kommunen in der Pflicht.
Welchen Beitrag werden Pelletsheizungen leisten?
Den Einsatz von Pellets sehe ich ebenfalls eher in größeren Anlagen zur Versorgung von Wärmenetzen.
Jetzt kommt da wieder einer mit den Wärmenetzen an, die enorme, teils horrende Verteilverluste aufweisen, und das oft 365/24 mit 80° Vorlauf, während der Häusleheizer seine Anlage individuell bedarfsgesteuert fahren kann :-(