Christoph Schmidl: „beReal-Prüfungen berücksichtigen den Ofenbetrieb in der Praxis“

Mittwoch, 15. Februar 2017 | Autor: Joachim Berner

Übliche Testverfahren bilden den realen Betrieb von Holzöfen nur schlecht ab. Dadurch überschätzen sie deren tatsächliche Effizienz und unterschätzen den wirklichen Schadstoffausstoß. Im beReal-Projekt haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus neuen europäischen Ländern deshalb neue Prüfmethoden entwickelt. Nun wollen sie ein neues Label einführen. Christoph Schmidl vom österreichischen Institut Bioenergy 2020+ erklärt im Interview, worin sich die neuen Prüfverfahren von den alten unterscheiden.

Herr Schmidl, das Projekt beReal hat neue Prüfmethoden für Scheitholz- und Pelletsöfen entwickelt. Warum?
Die aktuellen Prüfmethoden wurden dafür entwickelt, Geräte optimal miteinander vergleichen zu können und ihre Betriebssicherheit zu überprüfen. Es war kein Ziel, möglichst praxisnahe Prüfbedingungen zu schaffen.

Worin unterscheidet sich beReal von bisherigen Standardtests?
Die beReal-Prüfverfahren orientieren sich am praktischen Betrieb der Raumheizgeräte. Sie beziehen alle Betriebsphasen, die in der Praxis vorkommen, in die Prüfung ein. Sie integrieren den Start, also das Anzünden, unterschiedliche Betriebszustände wie Nenn- und Teillast sowie Lastwechsel und das Ende des Heizbetriebs inklusive der Auskühlphase in den Prüfzyklus. Die aktuellen Standardtests erfolgen bei einem konstanten Betrieb. Start, Stopp oder Lastwechsel berücksichtigen sie nicht.

Warum ist es so wichtig, Perioden, in denen die Öfen mit geringer Leistung laufen, sowie Stand-by- oder Auskühlphasen bei den Messungen zu berücksichtigen?
Weil sie kritischer im Hinblick auf die Emissionen und den Wirkungsgrad sind als stabile Betriebsphasen. Mit der beReal-Methode ist es möglich, Geräte die besonders gut unter realen Betriebsbedingungen funktionieren, zu identifizieren und auszuzeichnen.

Worin bestehen die größten Schwierigkeiten, das Betriebsverhalten aus der Praxis in ein Testverfahren zu überführen?
Die Aufgabe war tatsächlich nicht trivial. Zunächst war es eine Herausforderung, die Betriebsbedingungen in der Praxis zu erheben. Wir haben wir das mit einer europaweiten Nutzerumfrage in sieben Sprachen und Feldmessungen an verschiedenen Anlagen in fünf Ländern geschafft. Im nächsten Schritt mussten wir die doch beträchtliche Bandbreite an Betriebsbedingungen zu einem Prüfablauf zusammenführen. An diesem Punkt war es wichtig, beim Prüfaufwand nur Kompromisse einzugehen, wo der Einfluss auf das Ergebnis vernachlässigbar war. Das wurde jeweils wissenschaftlich überprüft.

Neben der Effizienz des Heizgeräts beeinflussen im realen Betrieb aber zum Beispiel auch die Brennstoffqualität oder der Schornsteinzug den Schadstoffausstoß eines Ofens. Lassen sich diese Einflüsse ebenfalls im Test abbilden?
Das ist nur bedingt möglich. Wir haben im Laufe des Projekts eine Reihe von Versuchen durchgeführt, um den Einfluss dieser Parameter zu quantifizieren. Wir konnten so nachweisen, dass der Einfluss des Schornsteinzugs auf die Emissionen erstaunlich gering ist. Für die Effizienz ist er allerdings relevant. Bei der Brennstoffqualität ergaben die Nutzerumfrage und die Feldmessungen, dass überwiegend gut geeignete Brennstoffe eingesetzt werden – vor allem im Hinblick auf den Wassergehalt. Somit entspricht der Prüfbrennstoff dem in der Praxis überwiegend eingesetztem Brennstoff. Wir versuchen in den beReal-Methoden den praktischen Betrieb möglichst gut nachzubilden. Zu hundert Prozent ist das natürlich nicht möglich. Es handelt sich ja nach wie vor um standardisierte Messungen an einem Versuchsstand im Labor. Ein innovativer Ansatz von beReal ist die verpflichtende Erstellung einer standardisierten einseitigen Kurzanleitung für den Betrieb des Geräts. Sie wird sowohl für die Prüfung verwendet als auch gemeinsam mit dem Gerät an den Kunden übergeben. So soll sichergestellt werden, dass das Gerät in der Praxis genauso betrieben wird wie bei der Prüfung.

Wovon hängen die Staubemissionen eines Holzofens hauptsächlich ab?
Zunächst natürlich von der Gerätetechnologie. Sie ist sicher der wichtigste Einflussfaktor. Danach sind Verbrennungslufteinstellung, Brennstoffmenge und Brennstoffeigenschaften die wesentlichen Kriterien für die Verbrennungsqualität und damit die Emissionen.

Basierend auf den Prüfmethoden wollen Sie ein neues Label einführen. Wie und mit wem planen Sie die Einführung?
Das Projekt wurde gerade abgeschlossen. Die Prüfabläufe für Pellets- und Scheitholzöfen liegen nun vor. Im Moment sind wir mit Vertretern von Industrie und Zertifizierungsorganisationen im Gespräch, um die Einführung des beReal-Labels voranzutreiben.

Langfristiges Ziel dürfte aber die Ablösung der bisherigen Standardtestverfahren sein?
Die größte Wirkung entfalten Prüfmethoden, wenn sie zu harmonisierten Normen werden. Daher ist unser langfristiges Ziel ganz klar, die bestehenden Testverfahren durch die beReal-Methoden zu ersetzen. Ein Qualitätslabel in der Zwischenzeit kann diesen Prozess optimal unterstützen, weil dadurch Erfahrungen mit den neuen Methoden gesammelt werden, die wiederum sehr wertvoll für den Normungsprozess sind.

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