Ann-Kathrin Schneider: “Wir haben es mit Politikversagen zu tun”

Dienstag, 14. August 2018 | Autor: Joachim Berner

Klimaexpertin Ann-Kathrin Schneider Klimaexpertin Ann-Kathrin Schneider Die Hitze erreicht in diesem Sommer neue Rekordwerte. Gleichzeitig häufen sich die Meldungen über Ernteeinbußen, Fischsterben und Waldbrände. Warum das Anzeichen für den Klimawandel sind, erklärt Ann-Kathrin Schneider, Klimaexpertin des Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND).

Frau Schneider, manifestiert sich in der  aktuellen Hitzewelle schon der Klimawandel?
Die Hitze und die Dürre, die wir jetzt gerade hier in Deutschland erleben, sind Folgen des Klimawandels. Die vergangen drei Jahre waren die wärmsten, die je gemessen worden sind. Wir müssen davon ausgehen, dass mit dem heißen Sommer auch 2018 wieder das wärmste Jahr wird, das je gemessen worden ist. Klimawissenschaftler haben gesagt, dass sich die extremen Wetterereignisse wie Hitze und Dürren in Zeiten des Klimawandels viel öfter wiederholen werden. Von daher müssen wir von einem Klimawandelfolgen-Sommer ausgehen.

Worin unterscheidet sich der heiße Sommer in diesem Jahr?
Das Besondere ist, dass er sehr früh begonnen hat. Schon im April hatten wir beispielsweise in Pakistan Temperaturen von 50 Grad Celsius. So hohe Temperaturen wurden noch nie auf der Welt in einem April gemessen. Auch in skandinavischen Ländern hat der Sommer sehr früh begonnen. Dort wurden schon im Mai 30 Grad Celsius gemessen. Wir haben es mit einem sehr langen Sommer zu tun. Wir haben es aber nicht nur mit der Hitze zu tun, sondern auch mit Dürre. Es hat insgesamt auf der Nordhalbkugel sehr wenig geregnet. In Litauen zum Beispiel seit April gar nicht mehr. Auch in anderen europäischen Ländern oder wie hier bei uns in Nord- oder Ostdeutschland hat es sehr wenig geregnet. Das Besondere ist also, dass der Sommer sehr lang und die Hitze mit einer Dürre gekoppelt ist.

Wer ist von der extremen Hitze am meisten betroffen?
Wir alle sind von dieser extremen Hitze betroffen. Es fällt uns schwerer zu arbeiten, wenn es so heiß ist, es ist schwieriger zu schlafen, wenn es so heiß ist. Aber Menschen mit gesundheitlichen Problemen, ältere Menschen oder auch Kinder sind besonders stark betroffen. Es werden mehr Menschen in Krankenhäuser eingeliefert, wenn es so heiß ist. Während des letzten vergleichbaren heißen Sommers, den wir im Jahr 2003 in Europa hatten, gab es 70.000 Tote aufgrund der Hitze.

Und die Natur?
Besonders stark betroffen sind Flüsse und Wälder. In Deutschland hatten wir auch schon Waldbrände in diesem Sommer. Besonders stark gebrannt hat es jedoch in Schweden. Jedoch auch in Griechenland und in Portugal gab es schlimme, starke Waldbrände. Neben den Wäldern sind Flüsse betroffen. Wir können in Deutschland jetzt ein Fischsterben beobachten. Tonnenweise tote Fische werden aus der Alster, der Elbe und dem Rhein gefischt. Die Flüsse werden einfach zu warm und haben nicht mehr genug Sauerstoff, sodass die Fische sterben.

Wie bewerten Sie den Umgang der Bundesregierung mit dem Klimawandel?
Sie tut zu wenig. Wir haben es hier mit Politikversagen zu tun. In allen gesellschaftlichen Bereichen reden die Menschen darüber, wie die Hitze ihr Leben beeinträchtigt, ihr Wirtschaften beeinträchtigt, ihre Arbeit beeinträchtigt und von der Bundesregierung hören wir nichts zu dem Thema. Das einzige, das wir hören ist, dass das Landwirtschaftsministerium plant, unter Umständen Dürrehilfen an die bäuerlichen Betriebe zu geben, die am stärksten von Hitze und Dürre betroffen sind.

Was könnte die Bundesregierung tun?
Sie könnte sehr viel tun, um den Klimawandel zu begrenzen. Leider hat sie in den vergangenen zehn Jahren viel zu wenig getan. Die klimaschädlichen Emissionen in Deutschland sind in den letzten neun Jahren nicht gesunken. Im Verkehr sind sie sogar noch angestiegen. Wir müssen im Verkehr die Emissionen mit einem generellen Tempolimit und einer hohen Besteuerung von spritschluckenden Autos senken. Außerdem muss die Bundesregierung sehr schnell die dreckigsten und ältesten Kohlekraftwerke vom Netz nehmen. Und in der Landwirtschaft müssen wir von der intensiven Tierhaltung wegkommen. Wir halten zu viele Tiere. Wenn man zu viele Tiere hält, gibt es Methan-Emissionen, und die sind klimaschädlich.

Der BUND hat deshalb einen Klima-Nothilfeplan entworfen. Darin fordert er Maßnahmen, die die Bundesregierung sofort ergreifen kann, um die Auswirkungen der Klimakrise zu begrenzen. Sie können ihn herunterladen unter www.bund.net/hitzepapier

Das Interview hat der BUND zur Verfügung gestellt. Es wurde von der Pelletshome-Redaktion bearbeitet.

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