Mathis Wackernagel: “Wir stecken in einem ökologischen Schneeballsystem fest”

Mittwoch, 05. Mai 2021 | Autor: Joachim Berner

eyJpbWFnZSI6IjIwMjFEcmVlc3NvbW1lcm92ZXJzaG9vdGRheW1hdGhpc3dhY2tlcm5hZ2VsLmpwZyIsImltYWdlU2l6ZSI6ImNvbnRlbnQiLCJsaW5rVHlwZSI6ImltYWdlIn0= Mathis Wackernagel Mathis Wackernagel Was den Ressourcenverbrauch anbelangt leben die Deutschen ab 5. Mai auf Kredit. Was es mit dem Erdüberlastungstag auf sich hat und welche Wege aus der ökologischen Schuldenfalle führen, erläutert Mathis Wackernagel vom Global Footprint Network und Miterfinder des Ökologischen Fußabdrucks.

Herr Wackernagel, Ihr Institut hat berechnet, dass die Deutschen ab morgen auf Pump leben. Was bedeutet der Erdüberlastungstag?
Deutschland liegt mit seinem Pro-Kopf-Verbrauch und seinen Emissionen im obersten Viertel aller Länder. Hochgerechnet auf die Weltbevölkerung braucht jeder Deutsche vom 1. Januar bis zum 5. Mai so viel von unserem Planeten, wie die Erde im ganzen Jahr regenerieren kann. Würden die Menschen überall so leben wie in Deutschland, bräuchten wir drei Erden, um den Ressourcenverbrauch zu kompensieren. Auf Dauer kann das natürlich nicht funktionieren. Das ist ein Leben auf Kredit der künftigen Generationen.

Welche Ressourcen sind denn besonders übernutzt?
Das Problem ist nicht eine einzelne Ressource, sondern die Summe unseres ganzen Verbrauchs: Die Menschheit braucht mehr, als die Erde erneuern kann. Das nennt sich auf Englisch “Overshoot”. Wir wollen zu viel Fisch, zu viel Papier, zu viel Fossilenergie, zu viel Baumwolle etc. Das ist der Grund, warum all diese Umweltkrisen gleichzeitig auftreten. Diese Synchronizität ist kein Zufall. Das große Problem ist, dass die Menschen kaum etwas von Overshoot gehört haben, dass die meisten Sprachen, wie eben auch Deutsch, nicht einmal ein Wort dafür haben. Das ist, als hätte der Arzt keinen Namen für eine Krankheit und könnte diese deswegen auch nicht therapieren.

Die Folgen des Klimawandels dürften spätestens seit Fridays for Future jedem bekannt sein. Nur scheinen die Lösungen dafür nur sehr zäh und zögerlich voranzukommen.
Das mag sein, aber das größte Problem ist unser Missverständnis der Situation. Viele denken: Es kostet mich nur, mein Kohlendioxid zu reduzieren, daher warte ich mal. In Wirklichkeit steuern wir in einen Sturm von Ressourcenknappheit und Klimawandel. Warum warte ich, um mein Boot für den vorhersehbaren Sturm bereit zu machen? Kein Land, keine Stadt, kein Unternehmen kann seine Infrastruktur plötzlich umfunktionieren, umrüsten oder anpassen. Diejenigen, die vorausschauend planen, haben eindeutig eine viel bessere Zukunftschance. Mitzuhelfen, den Earth Overshoot Day zu verschieben, liegt im Eigeninteresse.

Nennen Sie konkrete Beispiele, wie wir reagieren könnten?
Eine 50-prozentige Reduktion der CO2-Emissionen der fossilen Brennstoffe weltweit verschiebt den Overshoot Day um ganze 93 Tage. Als Beispiel dazu: Die Stadt Wuppertal hat eine stark befahrene städtische Radwegstrecke gebaut, die jährlich zwei bis drei Millionen Menschen benutzen. Es ist eine ehemalige Bahntrasse, die dank einer Bürgerbewegung zur Fahrradautobahn geworden ist. Oder nehmen wir das Rathaus in Freiburg, das im Jahr 2017 als erstes öffentliches Netto-Plusenergiegebäude der Welt fertiggestellt worden ist.

Wo liegt dabei die Verantwortung des Einzelnen?
Wir stecken zusammen in einem ökologischen Schneeballsystem fest. Wir benutzen die Ressourcen der Zukunft, um für die Gegenwart zu bezahlen. Und das sage ich nicht leichtfertig, denn es handelt sich nicht um eine Analogie. Es ist ein tatsächliches Schneeballsystem. Madoff, der berüchtigte Bankier aus New York, ist vor Kurzem im Gefängnis gestorben. Aber sein Betrug ist vom Umfang und Ausmaß her nichts im Vergleich zu unserem aktuellen ökologischen Schneeballsystem. Wer ist also schuld? Wer ist der ökologische Madoff? Diejenigen, die sich weigern, das Schneeballsystem zu erkennen? Diejenigen, die keine ehrliche Buchhaltung führen wollen? Diejenigen, die bei ökologischen Schneeballsystemen ein Auge zudrücken? Vielleicht ist es besser, die Frage anders zu stellen: Was bringt es, abzuwarten und mal zu weiterzusehen? Was tun Sie, um sich selbst, Ihre Stadt, Ihr Land, Ihr Unternehmen zu schützen? Daher setzen wir auf Menschen und Institutionen, die sich dem Problem annehmen.

Weitere Informationen: www.footprintnetwork.org

Das Interview hat das Planungs- und Beratungsunternehmen Drees & Sommer zur Verfügung gestellt. Es wurde von der Pelletshome-Redaktion bearbeitet.

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